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Zwei Hände, eine hält einen Stift die andere ein Blatt Papier
Weiterbildung
Gendersensible Medizin

Einführung

In den vergangenen Jahren sind vermehrt Studien und Forschungen veröffentlicht worden, welche das Augenmerk auf das große Thema Gendermedizin legen. Gendermedizin, gleichbedeutend mit geschlechterspezifischer bzw. geschlechtersensibler Medizin, ist ein Themenfeld, das trotz der erheblichen Wichtigkeit bisher leider vergleichsweise unterrepräsentiert ist.

Mit der neuen WBO 2020 wurde im allgemeinen Teil nunmehr die Vermittlung dieser Thematik aufgenommen. Ein wichtiger Aspekt, denn: die Gendermedizin befasst sich mit dem Einfluss des Geschlechts auf Krankheit und Gesundheit. Symptomatik, Krankheitsverläufe als auch Therapieerfolge können geschlechterspezifisch teilweise sehr unterschiedlich ausfallen. Eine verzögerte Behandlung aufgrund ebendieser Problematik kann somit schnell lebensbedrohlich werden.

Wenn man die klassischen Symptome eines Herzinfarktes nennen soll, dann werden meist ein heftiger Druck oder ein starkes Engegefühl im Herzbereich mit schmerzhaften Ausstrahlungen im Brustkorb sowie in den linken Oberarm, genannt. Die klassischen Symptome, die bei einem männlichen Patienten zutreffen. Die Symptomatik bei weiblichen Patienten ist jedoch nicht die Gleiche, weswegen ein Herzinfarkt bei Frauen, vor allem im höheren Alter, oftmals fehldiagnostiziert bzw. übersehen werden kann. So können bei Frauen eher Anzeichen wie Schmerzen im Oberbauch, Übelkeit und Erbrechen gemeinsam mit Kaltschweiß für einen Herzinfarkt, auftreten. Da die Symptome des Mannes lange Zeit als Maßstab galten, wurden die beschriebenen Anzeichen eher als atypisch für einen Herzinfarkt eingestuft und anderen Erkrankungen zugeschrieben.

Bereits dieses kleine Beispiel zeigt, wie differenziell das Geschlecht sich auf Krankheit und Gesundheit auswirken kann. In den letzten Jahren entwickelte sich aus diesen Beobachtungen die geschlechtersensible Medizin, die biologische Unterschiede und auch soziokulturelle Einflüsse bei der Behandlung und in der medizinischen Forschung berücksichtigt.

In der Medizin als auch in der medizinischen Forschung wird sich bislang noch zu stark an einem Durchschnittsmenschen orientiert. Geschlechterspezifische Unterschiede, auf die bislang keine Rücksicht genommen werden, beeinflussen, wie Erkrankungen entstehen, verlaufen, diagnostiziert und behandelt werden. Aktuell gilt: der Maßstab vieler medizinischer Studien ist ein 75 Kilo schwerer Mann.

Um der Problematik dieser bisher nur wenig bekannten Thematik entgegenzuwirken, soll nunmehr bereits im Medizinstudium angesetzt werden. Mit der neuen Approbationsordnung, welche voraussichtlich im Jahr 2025 in Kraft tritt, werden geschlechterspezifische Unterschiede zukünftig in den Lehrplänen verankert. Mit der WBO 2020 wurde die Gendermedizin als ein zu vermittelndes Thema bereits in den allgemeinen Teil der Weiterbildungsordnung aufgenommen und ist somit für die Weiterbildung eines jeden Fachgebiets verpflichtend.

Natürlich geht es in der Gendermedizin nicht nur um die Diagnose bereits vorhandener Erkrankungen. Gendermedizin befasst sich auch mit der Tatsache, dass Männer und Frauen unterschiedliche Wahrscheinlichkeiten für Erkrankungen aufweisen. Aufgrund der gegebenen Anatomie erleiden Frauen beispielsweise häufiger eine Blasenentzündung und andere Harnwegsinfektionen als Männer.

Das Augenmerk liegt jedoch nicht nur auf den anatomischen Differenzen zwischen Mann und Frau, auch mit den Vorurteilen behafteten „klassischen“ Rollenbildern befasst sich die Gendermedizin. Noch heute findet beispielsweise zu selten eine Sensibilisierung zu Depressionen bei Männern statt, da aus alten Geschlechterrollen heraus das männliche Geschlecht mit Stäke und Dominanz assoziiert wird und Depressionen in diesem Rollenbild atypisch sind. Fakt ist jedoch, dass Männer drei Mal häufiger durch Suizide sterben als Frauen.

Durch die steigende Digitalisierung und der Aufklärungsbereitschaft der Generation Z, rücken Thematiken wie Gendermedizin glücklicherweise in den Vordergrund. Die Aufnahme und Behandlung des Themas im Medizinstudium und in die ärztliche Aus- und Weiterbildungsordnung sind erste Schritte in die richtige Richtung.