Stadt oder Land – wo praktiziert es sich als Allgemeinmediziner*in besser?

Stadt oder Land – wo praktiziert es sich als Allgemeinmediziner*in besser?

Nicht nur die Entscheidung für eine bestimmte Facharztausbildung prägt das Berufsleben von Ärzt*innen. Genauso wichtig ist die Frage danach, wo praktiziert wird. Gerade Allgemeinmediziner*innen stehen hier vor der Frage: Stadt oder Land? Beide Orte bieten Vor- und Nachteile, die Nachwuchsärzt*innen abwägen sollten.

Viele Möglichkeiten, große Konkurrenz – als Allgemeinmediziner*in in der Stadt

Kurze Wege und viele berufliche Möglichkeiten: Direkt nach dem Studium ist eine Tätigkeit in der Stadt für viele erstrebenswert. Schließlich gibt es hier nicht nur viele Freizeitmöglichkeiten – von Kultur bis Sport – sondern oft auch größere Kliniken oder Gemeinschaftspraxen, die spannende Berufschancen bieten. Konstante fachliche Weiterbildung ist durch die Nähe zu z. B. Unikliniken einfach in den Alltag zu integrieren. Auch die Zusammenarbeit mit Ärzt*innen anderer Fachgebiete ist dank der räumlichen Nähe oft einfacher als auf dem Land. Für Allgemeinmediziner*innen ist es in der Stadt zudem eher als auf dem Land möglich, sich dauerhaft auf Nischengebiete wie etwa Diabetologie zu konzentrieren – einfach weil die große Anzahl an Patient*innen vor Ort es zulässt.

Viele Allgemeinärzt*innen entscheiden sich auch für eine Tätigkeit in der Stadt aufgrund der (vermeintlich) besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Denn hier gibt es nicht nur potentiell mehr Jobs für den oder die Partner*in, sondern auch mehr Auswahl bei der Kinderbetreuung. Auch Aspekte wie ein gutes ÖPNV-Angebot, verschiedene Schularten und eine gute Internetanbindung sind vielen heute wichtig und sprechen für eine Tätigkeit in der Stadt. Die Tatsache, dass man ganz in der Nähe der Praxis wohnen und dennoch unerkannt einkaufen oder ausgehen kann, ist ein weiterer positiver Faktor.

Dennoch hat eine Tätigkeit in der Stadt auch andere Seiten. Was unbedingt bedacht werden sollte: Dort werden Ärzt*innen je nach Stadtteil auch mit (sozialen) Problemen konfrontiert, die auf dem Land weniger anzutreffen sind (Drogenkonsum, Wohnungslosigkeit). Bei der Übernahme oder Neugründung einer Praxis in der Stadt sollte außerdem die Konkurrenzsituation nicht außer Acht gelassen werden. Die Menschen in einem Stadtviertel müssen nicht direkt dort ihre*n Hausärzt*in wählen, sondern können auch in einen anderen Teil der Stadt fahren. Kurze Wege machen das Hopping zwischen Praxen leicht und erhöhen den Druck, den Patient*innen „etwas zu bieten“, um sie zu binden. Das gilt übrigens auch für Mitarbeiter*innen. Niedergelassene*r Ärzt*innen in der Stadt konkurrieren nicht nur um Patient*innen, sondern auch um Fachpersonal, das sich die attraktivste Stelle aussuchen kann.

Großes Behandlungsspektrum, weniger Anonymität – als Allgemeinmediziner*in auf dem Land

Allgemeinmediziner*innen, die sich für eine Tätigkeit auf dem Land entscheiden, tun dies oft, weil sie die langfristige Bindung zu ihren Patient*innen schätzen. Ärztehopping ist allein schon aufgrund der Entfernung zur nächsten Praxis oft kein Thema. Stattdessen sind Hausärzt*innen erste Ansprechpartner*innen für eine Vielzahl von medizinischen Anliegen – und das für alle Altersgruppen. Von den U-Untersuchungen bis zur Behandlung von Altersdemenz reicht das Behandlungsspektrum. Oft sind niedergelassene Allgemeinmediziner*innen auf dem Land echte Familienärzt*innen, die alle Generationen betreuen. Sie begleiten ihre Patient*innen teilweise über Jahrzehnte und übernehmen dabei auch Aufgaben, die teilweise in andere Fachgebiete fallen.

Besonders deshalb ist eine Tätigkeit als Hausärzt*in auf dem Land sehr abwechslungsreich, aber natürlich auch anspruchsvoll. Konstante Weiterbildung und selbstständige Aneignung spezifischer, im Alltag geforderter Kenntnisse sind an der Tagesordnung, denn auch der Austausch mit Kolleg*innen ergibt sich nicht so einfach wie in der Stadt. Fachärzt*innen arbeiten hier oft nicht niedergelassen und viele größere Untersuchungen finden direkt in Krankenhäusern oder in Praxen in weiter entfernten Städten statt.

Dafür ist es auf dem Land als Neuling oft einfacher als in der Stadt, private Kontakte zu knüpfen. Gerade als Hausärzt*in auf dem Dorf ist Anonymität praktisch ausgeschlossen. Dennoch muss man auch hier nicht 24 Stunden im Dienst sein. Klar geregelte Bereitschaftsdienste garantieren freie Abende und Wochenenden. Kein Wunder also, dass der Aspekt der Entspannung und die Nähe zur Natur wichtige Gründe sind, warum Ärzt*innen aufs Land ziehen. Mit dem Geld, das eine Dreizimmerwohnung in einer Großstadt verschlingt, bekommt man auf dem Dorf außerdem vielleicht sogar ein ganzes Haus mit Garten. Und das sogar schon in der Facharztweiterbildung, denn die ist in Praxen inzwischen genauso gut bezahlt wie in Krankenhäusern. Und dank guter Verdienstmöglichkeiten als niedergelassene*r Ärztin ist auch der Traum vom Eigenheim hier absolut realisierbar.

Abstriche müssen auf dem Land natürlich bei der Freizeitgestaltung und eventuell auch den Jobperspektiven für den oder die Partner*in sowie bei der Kinderbetreuung gemacht werden. Da niedergelassene Ärzt*innen ihre Sprechzeiten aber selbst bestimmen, ist auch die Vereinbarkeit von Beruf und Familie hier keinesfalls ausgeschlossen, sondern bedarf womöglich einfach sorgfältiger Organisation als in der Stadt.

Stadt oder Land – eine komplett individuelle Entscheidung

Die gute Nachricht ist: Allgemeinmedizier*innen sind gefragt – und zwar überall. Die Tätigkeitsschwerpunkte, das Behandlungsspektrum und auch die Altersstruktur der Patient*innen hingegen können in ländlichen und städtischen Regionen sehr unterschiedlich sein. Und auch die Freizeitgestaltung sowie die Möglichkeiten zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie gestalten sich je nach Wohn- und Arbeitsort ganz anders. Hier gilt es, die persönlichen Präferenzen abzuwägen, aber auch ein Auge auf die demographische Entwicklung zu haben. Denn: In den nächsten Jahren gehen auf dem Land eine Vielzahl von Hausärzt*innen in den Ruhestand – beste Chancen also, als Jungmediziner*in eine gut gehende Praxis zu übernehmen. Warum also nicht im Studium, PJ oder der Facharztweiterbildung mithilfe der Förderangebote der KV Hessen schon mal Landluft schnuppern und ganz unverbindlich echte Einblicke in den Arbeitsalltag dort bekommen? Denn nur wer beide Arbeitsorte kennt, kann den eigenen Favoriten herausfinden.

Quellen:

https://www.hausarzt.digital/politik/kbv-und-kven/stadt-land-arzt-55018.html

https://www.doctors.today/a/niederlassung-auf-s-land-oder-in-die-stadt-1872287

https://karriere.unicum.de/archiv/arztkarriere-stadt-oder-land

 

 

 

 

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