Medizin mal anders: Der Rechtsmediziner

Medizin mal anders: Der Rechtsmediziner

Der Arztberuf bietet viele spannende Facetten. In unserem Blog stellen wir deshalb regelmäßig Ärztinnen und Ärzte vor, deren Arbeitsalltag sich von dem vieler Berufskollegen unterscheidet. Heute erklärt Prof. Marcel Verhoff, Leiter der Rechtsmedizin in Frankfurt, wie er bei der Überführung des „Kuhmörders“ half und warum er lieber zu Fuß geht.

Von Tod oder Verwesung ist nichts zu spüren, wenn Professor Marcel Verhoff über seine Anfänge in der Rechtsmedizin spricht, sondern viel Begeisterung. Schon als Kind haben beim Schatzsuchen Tierknochen sein Interesse geweckt. Eine weitere Weichenstellung erfolgte im Medizinstudium: Nach einer Famulatur in der Pathologie, bei der er entgegen seiner Erwartung nicht auf Erstochene oder Erschossene traf, machte er sich auf die Suche danach und wurde fündig: in der Rechtsmedizin.

Plötzlich im Mittelpunkt

Überhaupt merkt man ihm die Begeisterung für „sein“ Fach jederzeit an: „Die Rechtsmedizin ist ein extrem vielseitiges Fach, denn im Gegensatz zu manch anderem Fach haben wir über unser ganzes Berufsleben mit dem gesamten Spektrum der Medizin zu tun. Und damit stehen wir ziemlich allein.“ Mit dem gängigen Vorurteil, dass Rechtsmediziner vorrangig mit Toten zu tun haben, räumt der 45-Jährige gleich zu Beginn des Gesprächs auf. Es sind die Lebendigen und nicht die Leichen, mit denen man sich als Rechtsmediziner vorrangig beschäftigt. In zahlreichen Gerichtsverfahren, in denen es zum Beispiel um Fragen der Verkehrstüchtigkeit geht, tritt Verhoff als Gutachter auf. Aber auch bei Fällen mit hohem Medieninteresse wie die Tötung der Studentin Tugce, die für bundesweite Schlagzeilen sorgte: „Medizinisch war dies gar keine so komplizierte Fragestellung. Die Frage, ob ein Sturz oder ein Schlag für den späteren Tod verantwortlich ist, kommt sogar recht häufig vor. Entscheidend war und ist für uns gerade in einem Fall mit so hohem Medieninteresse, uns von Emotionen und den medialen Begleiterscheinungen nicht beeinflussen zu lassen. Und das gelingt uns auch.“

Der letzte Zeuge

Dabei versteht sich Verhoff gemeinsam mit seinen Fachkollegen als „letzte Stimme“ der Toten. In Deutschland, wo für jeden Verstorbenen eine Leichenschau vorgeschrieben ist, komme es viel zu oft vor, dass die nur oberflächlich durchgeführt werde. Studierenden und Ärzten ein sicheres Gefühl für den Umgang mit den Verstorbenen zu geben, darin sieht er eine der Hauptbedeutungen der Rechtsmedizin. Laut hessischem Friedhofs- und Bestattungsgesetz besteht die Verpflichtung, bei Hinweisen oder Zweifeln an einem nicht natürlichen Tod, die Polizei zu informieren. Das löst dann Ermittlungen der Staatsanwaltschaft aus, die gegebenenfalls eine Obduktion beantragt bzw. anordnet. Durch Untersuchungen in der Rechtsmedizin klären die Experten dann die Frage nach der Todesursache. „Das“, so Verhoff, „ist unser Tagesgeschäft und ich bin froh, dass ich trotz der administrativen Tätigkeiten als Leiter des Instituts nach wie vor dazu komme, zu obduzieren.“

Dem „Kuhmörder“ auf der Spur

Vor einigen Jahren war der 45-Jährige gar an der Aufklärung eines Falls beteiligt, der alle Zutaten eines Krimis trug. Dabei ging es um einen hessischen Landwirt, der nicht nur mutmaßlich seine Eltern getötet hatte, sondern auch unter Verdacht geriet, einen weiteren Angestellten des Hofs trotz dessen mutmaßlich nicht natürlichen Todes mit Lügen und Legenden am Leben zu halten, um dessen Rente zu kassieren. Nachdem dieser Angestellte vermeintlich in einer Urne beigesetzt wurde, in der de facto nur Blumenerde war, begannen Ermittlungen, an deren Ende die Eltern des Verdächtigen exhumiert und deren Ermordung nachgewiesen werden konnte. Basis dafür: Die Analysen von Prof. Verhoff, der die Behauptung, der Vater sei an einem Kuhtritt und die Mutter an einer Leberzirrhose verstorben, durch forensische Beweise widerlegen konnte: „Die knöchernen Verletzungen am Schädel des Vaters und dem Kehlkopf der Mutter waren der Beleg für die Taten, und der Angeklagte konnte so überführt werden.“

„Ich gehe lieber zu Fuß“

Dass sich sein Arbeitsalltag auf die Gestaltung seines Privatlebens auswirkt, kann Prof. Verhoff nicht bestreiten. Sind die zu überwindenden Strecken beispielsweise kurz, geht er lieber zu Fuß. Der Grund dafür: zu viele Radfahrer, mit denen er nach schweren Unfällen zu tun hatte. Auch das Motorrad ist deshalb kein Verkehrsmittel der Wahl. Zu dem meidet er Lokalitäten mit Türstehern: „Wenn ich weiß, dass es an bestimmten Orten Probleme geben kann, dann meide ich die. Dafür habe ich schon zu viel gesehen.“

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